Berliner Stadtmagazin

Die Anna-Seghers-Gedenkstätte in der Akademie der Künste

Foto: Anna Seghers

Am 19. November 1900 in Mainz geboren, kam sie 1925 als jungverheiratete und frisch promovierte Frau mit dem bürgerlichen Namen Netty Radvanyi, geb. Reiling, nach Berlin. Hier wurden ihre beiden Kinder Peter und Ruth geboren, hier erlebte sie ihren Durchbruch als Schriftstellerin mit den bedeutenden Erzählungen "Grubetsch" und "Aufstand der Fischer von St. Barbara", für die sie 1928 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. 1933 musste sie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aus der Heimat fliehen.

Auf dem Opernplatz waren im Mai 1933 auch ihre Bücher verbrannt worden. Das Exil in Paris, die gefährlich-abenteuerliche Flucht aus Marseille im Frühjahr 1941 und sechs weitere Jahre als Emigrantin in Mexiko bestimmten die entscheidende Phase ihres schriftstellerischen Schaffens, in der so berühmte Werke entstanden wie die Romane "Das siebte Kreuz" (1942 in Boston in englischer Übersetzung erschienen und zum Bestseller geworden, in Hollywood verfilmt), "Transit" oderdie autobiografische Erzählung "Der Ausflug der toten Mädchen".

Mit der Rückkehr nach Deutschland im Frühjahr 1947 engagierte sich Anna Seghers im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, im Schriftstellerverband der DDR, dessen Präsidentin sie von 1952 bis 1978 war, sowie in der 1950 neugegründeten Deutschen Akademie der Künste.

Eines der zentralen Felder ihres internationalen Engagements war die Weltfriedensbewegung. So gehörte sie 1950 zu den Initiatoren des Stockholmer Appells zur Ächtung der Atombombe. Der neue gesellschaftliche Entwurf, den die DDR versprach, schien ihr die Erfüllung ihrer Jugendideale und der Hoffnungen auf mehr Gerechtigkeit für alle Menschen.

Dogmatische Enge war ihre Sache nicht. Immer bemühte sie sich um Vielfalt in ästhetisch-künstlerischen Auffassungen; so setzte sie sich dafür ein, dass Mitte der 60er Jahre das Werk Franz Kafkas in der DDR erscheinen konnte. In jenen Jahren entstand eine weitere große Anzahl von Erzählungen, darunter die Zyklen "Karibische Geschichten", "Die Kraft der Schwachen", "Sonderbare Begegnungen" oder "Drei Frauen aus Haiti".

Besonders gern zog sie sich zum ungestörten Schreiben nach Wiepersdorf in das ehemalige Schloss der Bettina von Arnim zurück. Am 1. Juni 1983 starb die Schriftstellerin in Berlin.

Zu den bedeutendsten Ehrungen ihres Lebens zählt die Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1947.

Anna Seghers hinterließ ihren künstlerischen Nachlass der Akademie der Künste, wo er heute im Anna-Seghers-Archiv fachgerecht betreut wird. Begraben liegt sie, die Ehrenbürgerin von Berlin, neben ihrem Mann auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte, unweit der Gräber ihrer Freunde Helene Weigel und Bertolt Brecht.

Anna Seghers, Adlershof, 1981

Nach 14jährigem Exil während der Nazizeit – in Frankreich und Mexiko – kam Anna Seghers 1947 wieder nach Berlin zurück

Foto: Clemens Zahn

Hier hatte die aus Mainz stammende junge Schriftstellerin in den 20er Jahren ihre ersten großen Erfolge, hierher zog es sie, als der Krieg zu Ende war und sie endlich wieder ihre Muttersprache sprechen und für deutsche Leser schreiben wollte. Seit 1950 lebte sie in Adlershof, zuerst in der Altheider Straße. 1955 zog sie dann mit ihrem Mann Laszlo Radvanyi in das obere Stockwerk eines neuerbauten dreigeschossigen Mietshauses in der Volkswohlstraße 81, heute Anna-Seghers-Straße. Diese Wohnung war der Ort, an dem sie die längste Zeit ihres Lebens sesshaft war, bis zu ihrem Tod 1983. Sie wollte ihn auch später, als sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR war, ganz bewusst nicht mit einer repräsentativen Villa in Berlin-Niederschönhausen vertauschen.

"Zwei Plätze gibt es in dieser mir gleichgültigen Wohnung, die mich freuen, ein Eck im Fenster meines kleinen Schlafzimmers – Ruth sagt Kajüte –, ein Fenstereck, aus dem man weit raus sehn kann und sich einbilden, dahinter läge das Meer und die Schiffe oder sonst was. Und gut ist auch, auf dem kleinwinzigen Balkon zu liegen, und ich gucke mir abends die Vögel an und frage mich, warum sie herumfliegen, und ich denke auch, daß so einen Flug die Menschen noch nicht erfunden haben ... Und vor allem: ich kann viel und hoffentlich zum Teil auch gut schreiben." Wenn die Anwohner unter diesem Balkon entlanggingen, konnten sie bei gutem Wetter oft das Klappern ihrer Schreibmaschine hören – der Platz, vor dem die hohen Linden im Wind rauschten, erinnerte sie an das Schreiben an Bord eines Schiffes auf ihren Atlantiküberfahrten. Mehrmals reiste sie zwischen Europa und Südamerika hin und her. Dabei entstand z.B. die wunderschöne Erzählung "Überfahrt. Eine Liebesgeschichte" (1971), die in Brasilien spielt. Sie nannte den Balkon ihren "Mastkorb".

Die Wohn- und Arbeitsräume der Dichterin wurden nach ihrem Tod zur Gedenkstätte. Hier kann man seit 1985 alles im Originalzustand betrachten, liebevoll erhalten und betreut von der Akademie der Künste. Neben den authentischen Möbeln und Reisemitbringseln aus aller Welt, ihrer Sammlung von Steinen und Meeresschnecken, ihren Keramiken und Musikinstrumenten aus Mexiko beeindruckt vor allem die Bibliothek von Anna Seghers: 10.000 Bände, die sie ein Leben lang gesammelt und gehütet hat, darunter Bücher mit Widmungen von Schriftstellerfreunden aus vielen Ländern, verteilen sich über vier Zimmer und einen langen Flur. Das Literaturmuseum birgt auch eine kleine ständige Ausstellung mit Fotografien und Dokumenten aus dem Leben von Anna Seghers und ihrer Familie. So findet man dort ihr holzgeschnitztes Reisealtärchen, einst erstanden auf einem mexikanischen Bauernmarkt, oder das Diorama "Alibaba und die vierzig Räuber", das die junge Netty Reiling (wie sie mit ihrem Mädchennamen hieß) als Studentin der Kunstgeschichte in Heidelberg anfertigte. Vor allem findet man hier die kostbaren Erstausgaben ihrer Bücher, wie "Das siebte Kreuz", das zuerst 1942 in den USA auf englisch erschien und zu einem Welterfolg wurde, oder Ausgaben aus dem Exilverlag Querido in Amsterdam, aber auch den Reclam-Band mit ihrer Mainzer Dissertation "Jude und Judentum im Werke Rembrandts".

Die Gedenkstätte ist zugleich Ort einer monatlichen literarischen Abendveranstaltung im Wohnzimmer der Dichterin, veranstaltet von der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V. Dort lesen, in intimer Atmosphäre in Anna Seghers’ Couchecke sitzend, Schriftsteller aus ihren neuen Büchern, darunter immer wieder auch diejenigen, die mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurden. An jenem Platz hatte sie einst viele berühmte Freunde von weither zu Gast: Jorge Amado aus Brasilien besuchte sie hier, Ilja Ehrenburg, Lew Kopelew oder Halldór Laxness, der Nobelpreisträger aus Island. Dort sind alle Besucher willkommen, denn Anna Seghers liebte ein offenes, gastfreundliches Haus.

Das Leben der Schriftstellerin Anna Seghers

"Anna Seghers: Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau, Mutter. Jedem dieser Worte denke man nach. So viele einander widersprechende, scheinbar einander ausschließende Identitäten, so viele tiefe, schmerzliche Bindungen, so viele Angriffsflächen, so viele Herausforderungen und Bewährungszwänge, so viele Möglichkeiten, verletzt zu werden, ausgesetzt zu sein, bedroht bis zur Todesgefahr." Dies schrieb Christa Wolf über die große deutsche Erzählerin des 20. Jahrhunderts.

Autor: ADK Akademie der Künste

Anna-Seghers-Str. 81

12489 Berlin

 

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Die Schriftstellerin Anna Seghers verfügte in Ihrem Testament, dass die Tantiemen ihrer Werke zur Unterstützung junger Künstler aus der DDR und aus Entwicklungsländern dienen sollen. Von 1986 bis 1994 vergaben die Akademie der Künste der DDR, später die Kinder der Schriftstellerin - Pierre und Ruth Radvanyi - jährlich Stipendien an diese Künstler. 1995 wurde die Anna Seghers-Stiftung eingerichtet.

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